Probleme bei der Identifizierung und Übersetzung von Medizinischen Substanzen


Dieses Papier wurde bei dem Internationalen Kongress über Tibetische Medizin in Washington DC, vom 7. - 9. November 1998 präsentiert.

© Barry Clark 1998.

Wenn sich jemand vornimmt, Tibetisches Medizinisches Material zu identifizieren, wird er sehr schnell erkennen, dass häufig nichts mehr als ein tibetischer Name vorhanden ist. Da meistens auch keine Pflanzenprobe oder ein Name in einer anderen Sprache vorhanden ist, ist es äußerst schwierig, bestimmte Substanzen zu identifizieren. Hinzu kommt, da die Beschreibungen der medizinische Pflanzen in tibetischen Nachschlagewerken nur sehr dürftig sind, dass aus botanischer Sicht eine Bestimmung in den meisten Fällen nicht möglich ist. Manchmal jedoch sind die Beschreibungen zutreffend und hilfreich für Identifikationszwecke, wie z.B. ein gewisser Samen kann mit den Hoden eines alten Mannes verglichen werden, oder or thal ka rdo rje (Foetid Cassia: Cassia tora L. ) [1] man sagt, Samen ähneln einem Hundepenis.

Zu einem Zeitpunkt, vor einigen Jahrhunderten, als ein bestimmtes Kraut rar wurde, begannen Tibeter einen aus botanischer Sicht nicht verwandten Ersatz zu verwenden und gaben diesem Ersatz den Namen der Originalpflanze. Nach einiger Zeit geriet das Aussehen der Originalpflanze in Vergessenheit. Zum Beispiel, die Pflanze gla sgang (Cyperus rotunda), heute von den Tibetischen Ärzten eingesetzt, sieht völlig anders aus als in der Skizze in Jampa Dorjee’s (Tib. ‚jam dpal rdo rje) dargestellt, ein Werk aus der Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts über die Materia Medica. [2] Es ist durchaus möglich, dass Tibetische Ärzte letztendlich auch dazu übergingen, einen Ersatz für den Ersatz zu verwenden, so das die Identität des ersten Ersatzes genauso wie die der Originalpflanze völlig in Vergessenheit geriet.

Ähnlich Schwierigkeiten tauchten bei dem Medikament shri khanda auf. Während einige Schüler behaupten, es bestünde aus weißem Sandelholz, haben andere Tibetische Experten sich auf eine Art von Kaktus festgelegt. In seinem „Crystal Rosary“ [3] Kommentar, Deumar Geshe Tenzin Phuntsok (Tib. de’u smar dge shes bstan ‚dzin phun tshogs, geboren 1725) erkennt hierin eine weiße abführende Substanz eines Baumes mit bläulichem Stamm. Der Beschreibung in dem Text zufolge, scheint es jedoch sicher zu sein, dass es sich um eine Spezies von Euphorbia handelt.

Vor ungefähr zwölf Jahren reiste der eminente Arzt Dr. Trogawa Rinpoche nach Ladakh und stellte fest, dass dort ansässige Ärzte völlig andere Pflanzen als ming can nag po benutzten als gewöhnlich in Tibet verwendet wird. Seitdem die original ming can nag po auch in Ladakh wächst, konnte Rinpoche diesen Irrtum korrigieren. Die „gelbe“ Spezies dieser Pflanze (ming can nag po) wurde als Pulicaria insignis identifiziert. Sie hat einen bitteren Geschmack, eine kühlende Eigenschaft und findet Anwendung bei Infektionen, Diphtherie, Blähungen und Blutverunreinigungen und als Analgetikum. Die schwarze Art wirkt ähnlich, findet jedoch zusätzliche Anwendung bei Vergiftungen, Erkältungen und Grippe.

Manchmal trifft ein tibetischer Name auf zwei unterschiedliche Arten von Substanzen zu; z.B. padma r’aga kann Rubin und auch Granat bedeuten, je nach Qualität des Steines. Heutzutage wünschen sich viele Menschen immer noch die Wiederkehr der legendären Elixir ähnlichen Pflanzenmedizin ‚Soma’ mit seiner tonischen Kraft. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass dieses das gleiche wie das Tibetische so ma ra dza (Cannabis medica) ist, eine Art von medizinischen Cannabis, der bei lymphatischen Störungen Anwendung findet. Es kann zu Unklarheiten kommen, wenn ein Medikament aus beiden, Kräutern oder Baumsorte existiert; botanisch gesehen natürlich ohne irgendeinen Zusammenhang, so wie in dem Fall von dug mo nyung, das beides ist Cynanchum sibiricum [4] und Holarrhena antidysenterica Wall. Der Hauptgrund, dass die Tibeter zwei absolut verschiedenen Pflanzensubstanzen den gleichen Namen geben, liegt darin, dass beide Substanzen den gleichen Geschmack, Potenz und heilende Kräfte haben (in diesem Fall für die Behandlung von Gallenerkrankung und fieberhafte Dysenterie).

Es stellt sich ein weiteres Problem bei der Bestimmung von Substanzen, wenn Tibetische Experten sich nicht einigen können, wenn zwei Substanzen mit verschiedenen Namen tatsächlich von ein und derselben Pflanze oder Strauch stammen. So wie es in dem Fall von ‚jam ‚bras (Indische Buche: Pongamia pinnata; Pongamia glabra; Caesalpinia crista) und karany ja (Indische Buche: Pongamia pinnata: Caesalpinia sepiaria Roxb). Letzteres erhöht die Verdauungshitze und zuerst genanntes behandelt kalte Nierenbeschwerden. Manchmal werden Pflanzen auch anhand des Namens der Gattung identifiziert, so wie tig ta (oder tigta: Swertia chirata) und chags tig (Gentianopsis paludosa), dngul tig, gser tig (Swertia ), usw. angustifolia), und sorgen für zusätzliche Verwirrung.

Weitere Probleme tauchen auf, wenn die Tibeter für eine Reihe von Pflanzen gleiche Namen verwenden, abgeleitet von den anhängenden Kennzeichnungen „gewöhnlich“ oder „allerbeste“ Sorte wie z.B. bei ‚bri ta sa ‚dzin, von der gewöhnlichen Sorte wilder Erdbeeren, verursacht Erbrechen (Fragaria nilgeerensis Schlecht). In den Fällen, wo der Gattungsname einer Pflanze, die bei vielen verschiedenen Funktionsstörungen einsetzbar ist, wie z.B. dar ya kan (Moerhingia latifolia (L) Tenzl.), dann wird man auf 25 verschiedene Sorten von dar ya kan stoßen.

Es ist außerdem interessant festzustellen, dass shalma li, [5] der Baum mit Rasiermesser scharfen, Schwertartig geformten Blättern, die Wesen in einem der Höllenreiche ernsthafte Verletzungen zufügen können, ein irdisches Gegenstück hat, mit entsprechenden Lanzenförmigen Blättern. Jampa Dorjee erwähnte, dass es sich dabei um Erythrina indica handelt. Einige andere Pflanzen haben ein himmlisches Gegenstück oder sind göttlichen Ursprungs, jedoch kann nur deren irdische Version identifiziert werden. Ist es sachdienlich oder angemessen, dass wir die Flora der göttlichen Reiche erforschen? Von dem Vater von Serkhong Rinpoche, selber ein bedeutender Lama, wird erzählt, dass er häufig Früchte von Shambhala mitgebracht habe und diese dann im Haus herumliegen ließ.

Ähnlich wie dar ya kan is (dkarpo) chig thub, von dem eins Ginseng (Panaxr Burk; Panax notoginseng Burk) sein kann, weist es auch auf andere pflanzliche Substanzen hin, die in jedem Fall nur wegen ihrer einzigartigen Potenz eingesetzt werden. Manchmal, wie in dem Fall lca wa (Angelica archangelica), können bis zu zehn verschiedene Artverwandte Pflanzen unter demselben Namen auftauchen. Es ist auch interessant festzustellen, dass Jampa Dorjee in seinem Buch lakonisch auf den „Yeti“ verweist, als eine medizinische Substanz, in der gleiche Weise, wie zu jedem anderen Tiermedikament in seinem Text verfasst, während der überwiegende Teil der Welt nicht an die Existenz solcher Kreatur glaubt. Andere solcher Medikamente sind noch obskurer, wie Anteile von rba byi’u, [6] ein seltener Vogel. Wie kann jemand eine Urinlache identifizieren, die vom legendären Schneefrosch hinterlassen wurde, außer von der Wirkung als das beste Aphrodisiakum?

ANMERKUNG
[1] Botanische Bezeichnungen in diesem Artikel wurden aus Dr. Clark’s Buch The Quintessence Tantras of Tibetan Medicine, New York, 1985. (ed.) übernommen.
[2] Dorjee, Jampa, mdzes mtshar mig rgyan, Ein Illustriertes Tibeto-Mongolian Materia of Ayurveda of „Jam-dpal-rdo-rje von Mongolien, Herausgeber Lokesh Chandra, Satapitaka Series Vol.82, New Dehli 1971.
[3] Tibetab brief title: dri med shel phreng. Reprinted along with the root text dri med shel gong in the book shel gong shel phreng, Dharamsala, 1994, 537p. (ed.)
[4] Also identified as Cynanchum vincetoxicum L. pers in ‘khrungs dpe dri med shel gyi me long,Lhasa, 1995.(ed.)
[5] In Tibetan Medical Paintings, London, 1992, Plate 30. No.5, shalma li is identified as China brier [or kapok?]: Similax chinensis – Bombax malabaricum. (ed.)
[6] Cinclus cinclus, the white-breasted dipper. Tibetan Medical Paitings, London, 1992, Plate 28. No.140.(ed.)

Dr. Barry Clar, geboren in UK, hat die komplette Theoretische und Klinische Ausbildung eines Tibetischen Arztes genossen in erster Linie unter der Anweisung von Dr. Yeshe Donden (geboren 1929), der Leibarzt Seiner Heiligkeit der Dalai Lama von 1960 – 1980. Fast 20 Jahre hat Barry Clark studiert, praktiziert und lehrte selbst die Lehre der Tibetischen Medizin. Er lebt jetzt in Neuseeland, unterrichtet häufig und leitet Workshops in Europa. Nordamerika und Südostasien.